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Geschichte der Änismodel

Ursprung der Model

Die Menschen der alten Hochkulturen am Indus, in Mesopotamien und Ägypten begannen ihr Gebäck mit Modelformen zu verzieren. Diese Gebäckmodel wurden zuerst als einfache Gebäckformen beim gemeinsamen Backen benutzt.

  Model 6271

Model 6271 «Lebensrad», Nordindien

 

Wie Funde belegen, prägten die alten Griechen und Römer ein fladenartiges Gebäck mit Ton- und Steinmodeln. Auch Tonvasen und andere edle Haushaltgegenstände wurden mit solch reliefartigen Verzierungen versehen.

In der Schweiz konnten ebenfalls solche Gegenstände gefunden werden. Ein erkennbarer Zusammenhang mit den aus dem 14. Jahrhundert bekannten Modeln aus Holz oder Ton kann nicht nachgewiesen werden.

Das älteste bekannte Schweizer Holzmodel wurde im 14. Jahrhundert geschnitzt. Dieses Rundmodel zeigt das Osterlamm und stammt aus dem Kloster St. Katharina in Wil, Kanton St. Gallen. Bewahrt wird diese Form im Landesmuseum in Zürich.

Es waren die Klöster, welche die ersten Lebkuchen buken. Meist besassen sie eigene Waldbienenstöcke. Es stand also genug Honig zum Süssen der damals seltenen Gebäcke zur Verfügung. Der anfallende Bienenwachs war zur Herstellung von Kerzen und Wachsbildern sehr willkommen. Lebkuchen und Kerzen wurden gleichermassen mit Modeln verziert. Ganze Wachsbilder wurden auf diese Weise geprägt.

Als sich im 14. Jahrhundert die kulturellen Zentren zu verlagern begannen, lösten die mittelalterlichen Städte die Klöster ab, in deren Mauern bis anhin die Bildungsgüter aufgehoben worden waren.

In den östlichen Gebieten, wo Waldbienenzucht betrieben wurde, begann immer mehr auch die weltlich-bürgerliche Herstellung von mit Bildern verzierten Lebkuchen. Honig zum Süssen war genug vorhanden. Das war Voraussetzung, denn Zucker war in jener Zeit noch selten und entsprechend teuer.

Durch den Reichswald in seiner Umgebung, der «des Kaisers und des Volkes Bienengarten» genannt wurde, kam Nürnberg zu seinem Ruf als «Pfefferküchler Stadt». Aachen, Frankfurt, Köln, Nürnberg, Lübeck, München, Graz, Steyr, Wien, Basel und Zürich wurden im 15. Jahrhundert zu eigentlichen Zentren der Lebkuchenkunst. In jeder Region entstanden mit der Zeit lokale Spezialitäten.

Bebilderte Lebkuchen waren sehr beliebt geworden. Sie wurden zur bevorzugten Süssspeise bei besonderen Anlässen, da sie auch für das Volk erschwinglich geworden waren. Zu jener Zeit waren allerdings Holzmodel noch selten. Die meisten Model wurden aus Ton oder Stein gefertigt.

Die Fertigkeit, «Kuchelsteine» zu graben (schnitzen) wurde vor allem am Mittelrhein ausgeübt. Von dort nahmen die nach Steinoriginalen abgeformten Tonmodel ihren Weg in alle Welt.

Model 7170

Model 7170 «Justitia», 16. Jahrhundert, Gerechtigkeit in der Rechtspflege: Waage und Schwert sind Symbole für ein objektives und gerechtes Urteil, Bemalung: Christa Volken, Foto: Gabriella Disler

 

Als gegen Ende des 16. Jahrhunderts immer mehr Zuckerrohr aus der neuen Welt nach Mitteleuropa kam und in Deutschland die ersten Zuckerraffinerien gegründet wurden, wurden immer mehr Süsswaren in den Bäckereien hergestellt und die Verzierung mit Modeln erlebte einen ersten Aufschwung. Nun wurden Änisbrötli vermehrt mit Motiven geschmückt, vor allem aus dem biblischen, kirchlichen Bereich.

Wir wissen nur anhand von Rezepten, welche Arten Gebäck in jener Zeit mit Modeln verziert wurden. Die Model sind noch da, das süsse Gebäck dagegen ist gegessen.

Wir können jedoch davon ausgehen, dass die Gebäckmodel bis ins 16. Jahrhundert vorwiegend für Lebkuchen und Tragant verwendet wurden. Gelegentlich dienten sie auch dazu, Marzipan zu verzieren, der in jener Zeit allerdings als höchster Luxus galt, und darum nur bei der Oberschicht gefragt war.

Möglicherweise wurden ursprüngliche Marzipan- und Tragantmodel später auch für Änisbrötli verwendet.

Seit damals werden in Süddeutschland, in Österreich, im Elsass und in der Schweiz die schmackhaften Änisbrötli gegessen und die beliebten Änismodel in Holz geschnitzt.

Im Barock. Erste Blüte der Model

Gegen Ende der Spätrenaissance, in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts, entstand in der durch wachsendes Selbstbewusstsein erstarkten Bürgerschaft immer mehr das Bedürfnis, den eigenen Stand oder gar sich selber darzustellen. Man begann es den Adeligen gleichzutun. Das neue Lebensgefühl drückte sich in Bauten und in der Kunst aus. Immer mehr grosse Model mit heraldischen Darstellungen entstanden: Standes-, Stadt- und Ehewappen.

Mit dem Beginn der Barockzeit (um 1600) wurden Darstellungen aus der biblischen Geschichte immer beliebter. Kaum eine bekannte Episode aus dem Alten oder Neuen Testament, die nicht in Holz geschnitzt wurde. Die Bibel war essbar geworden, und der Bilderhunger riesig, denn die Kunst des Lesens war noch nicht Allgemeingut.

Viele der Model mit Darstellungen aus dem Alten Testament entstanden zu dieser Zeit in Zürich, während sich die Modelschnitzer in anderen Gegenden mit besonderer Liebe der Weihnachtsgeschichte und dem Leben Jesu angenommen haben.

Für diese biblischen Darstellungen wurde meist eine runde Form gewählt, häufig von einem gebündelten Blattstab umrahmt. Dieser Blattkranz wird durch Blumen, Bünde oder Granatäpfel in vier Teile geteilt. So entstand aus dem richtungslosen Rund ein Achsenkreuz, nach dem sich die Darstellung richtete.

Künstler der Barockzeit liebten das Illusionäre, die Überraschung, den ästhetischen Paukenschlag. Die Hauptmerkmale sind denn auch Bewegung und Wirkung.

Model 5629 Model 5629
«Die Liebeskutsche»,
17. Jahrhundert

Aber auch immer mehr weltliche Motive wurden, durch das Lebensgefühl der Barockzeit (ca. 1600-1720) begünstigt, hergestellt.

Wer schöne Model besass, konnte an Festtagen den Gästen mit entsprechend reich geschmücktem Gebäck aufwarten, was das Prestige einer Familie betonte und erhöhte. Manch reiche Familie entfaltete darin eine wahre Meisterschaft: Man wetteiferte untereinander um den Ruhm des ansehnlichsten und besten Backwerks.

Dieser Wettstreit herrschte auch im öffentlichen und halböffentlichen Bereich vor. Zünfte und Inhaber von Amtsstellen liessen sich Änismodel schnitzen, um damit Macht und Grösse des Staates würdig repräsentieren zu können.

Beliebte Sujets waren reichbekleidete Damen mit Fächer und pompösem Kopfschmuck. Da durften natürlich auch die Kavaliere in Stulpenstiefeln und Spitzenkragen nicht fehlen. Liebespaare wurden so dicht aneinander geschmiegt dargestellt, dass der Schnitzer jeweils nur eine Seite der Personen gestalten musste.

Das barocke, städtische Model zeigt sehr viel Schmuckfreude und üppige Füllungen.

Geschichten aus dem weltlich tüchtigen Alltag begannen immer mehr die Model zu zieren: Frau am Spinnrad, Frau mit Hühnern, Magd mit Korb, Jäger mit Beute, Tiere und Blumen. Viele dieser Model waren einfach unterhaltsam und modisch.

  Model 7637

Model 7637 «Die Spinnerin»,
ca. 1660

 

Ein Motiv wurde immer öfter verwendet - die Liebe: Ob als kunstvolles Herz, als Liebespaar in einer Hochzeitskutsche, Kindersegen, oder was der symbolträchtigen Bilder mehr waren. Die verschiedensten Variationen der Liebe begeisterten die Kundschaft und regten zu Andeutungen an.

Ausser Herzmotiven durften auf den Messen und Jahrmärkten jener Zeit der Reiter und das Fatschenkind nicht fehlen. Sie waren beliebte Paten- und Vatergeschenke: Dem Buben seinen Reiter, dem Mädchen sein Fatschenkind.

Als Festgebäck wurden Änisbrötli mittlerweile zu allen Jahres- und Lebensfesten gebacken und gereicht. Diese Feste wurden selber zum Thema auf den Änismodeln. Sie vergrösserten die stetig wachsende Vielfalt der Motive.

In der Barockzeit erfuhren Änismodel eine erste wirkliche Blüte. Noch bis weit ins 18. Jahrhundert war der Einfluss dieser Epoche spürbar in der Welt der Model.

Verspieltes Rokoko

In der Spätphase des Barock entwickelte sich das Rokoko (ca. 1715-1789). Als Reaktion auf die schwere Pracht des Spätbarocks entfalteten sich nun verspielte Formen bei den bildenden Künsten. Die Ecken wurden rund, Grazie war gefragt, und die Änismodel wurden kleiner und zierlicher.

Model 5968

Model 5968 «Liebespaar»,
um 1780


 

Es war die Zeit der «Schäferspiele» mit Schäfern, Gärtnerinnen, feinen Herren mit Puderperücken, eleganten Damen mit Rockreif. Auch Musikanten aller Art und stramme Grenadiere bereicherten die unwirklich scheinenden Szenen.

Neben einzelnen Personen bildeten Gruppen fröhliche Szenen in möglichst harmonisch und natürlich wirkender Umgebung.

Zu jedem Festanlass gehörte eine phantasievolle Tischdekoration. Noch immer waren lesen und schreiben nicht sehr verbreitet. So bediente man sich einer Bildersprache, welche allgemein verstanden wurde. Tafelfreuden waren nicht nur von der Qualität der Speisen abhängig, sondern nicht zuletzt von der Pracht und Detailverliebtheit gedeckter Tafeln. Man genoss das Leben in verzweifelt vollen Zügen, während sich immer lauter die Revolution ankündigte.

Durch das Rokoko (Muschel), Louis XVI (1750-1789), entstand eine Generation von Änismodeln, welche Amoretten, schnäbelnde Tauben, Girlanden von Blumen und anderen Zierrat mehr darstellten.

Häusliche Idylle. Biedermeier

Die Bilderfülle der Model in der Biedermeierzeit (ca. 1800-1850) stellte vor allem das häusliche Glück, als grosses Thema der Zeit, in einer im Volk lebendigen Bildersprache dar. Einfachheit und Zierlichkeit der Lebensformen waren gefragt. Dieser Stil entwickelte sich als Reaktion auf die Ambitionen des steifen Empire-Stils.

  Model 3362

Model 3362 «Brieftaube»


 

Freundschaft, Liebe und verklärte Armut zierten nun in naivem Frohsinn die Änisbrötli. Es war ein liebenswürdiger, zum Kitsch tendierender Wunschkartenstil, der mit einer gewissen Pfiffigkeit, mit Humor und menschlicher Wärme das Sonntagsgesicht einer bescheidenen kleinbürgerlichen Welt darstellte.

Das wirtschaftliche Denken der neuen Zeit verlangte nach Vereinfachung und Verbilligung des Herstellungsprozesses. So entstanden Model, in die gleich eine ganze Serie von Bildchen geschnitzt wurden. Als Trennung der einzelnen Darstellungen umgab man jede einzelne mit einem Rahmen aus Blattstäbchen oder einer einfachen Linie. So konnten eine grössere Zahl Motive in nur einem Arbeitsgang ausgeformt werden.

Model 8815

Model 8815 «6-er Biedermeier», ca. 1820





 

In dieser Zeit begann man auch vermehrt Handwerker und ihre Arbeit auf Änismodeln darzustellen.

Um ca. 1840 begannen sich die Errungenschaften der modernen Technik ihren Platz auf dem Änisbrötli zu erobern. Dampflokomotiven, Dampfschiffe und Heissluftballone wurden zu begehrten Sujets.

Das Maschinenzeitalter forderte aber auch seinen Tribut, und die schöpferische Eigenart der Änismodel wurde in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts immer stärker durch die neue, maschinelle Massenproduktion bedroht. Süsswaren- und Schokoladefabriken wurden zu einer ernsthaften Konkurrenz für Zuckerbäcker und Lebküchler.

Aber Änisbrötli konnten nicht zur Massen-ware werden. Zuviel Fingerspitzengefühl ist nötig, um den Model richtig in den Änisteig zu drücken. Keine Maschine kann das «Gspüri» für ein wohlgeratenes Änisbrötli ersetzen.

Trotzdem ist der immense Konkurrenzdruck der Süsswarenfabriken nicht spurlos an den Änisbrötli und Modeln vorbeigegangen. Bei vielen Gelegenheiten werden sie durch andere, moderne Süssigkeiten ersetzt.

Etliche Zuckerbäcker in Basel, Zürich und anderswo, pflegten mit viel Liebe weiterhin ihre Änismodel und buken wunderschöne Änisbrötli. Diese Tradition wurde bis zur heutigen Zeit erhalten und blüht wieder auf.

Gegenwart. Und das Änisbrötli lebt noch ...

Aus einem Bilderreichtum ist eine Bilderflut auf Plakaten, in Zeitungen, Zeitschriften und Büchern, im Kino, Fernsehen und nicht zuletzt im Internet geworden. Das einmalige Gebäckbild wird verdrängt.

Die hohe Qualität kunsthandwerklichen Schaffens auf Änismodeln ist selten geworden. Mit diesem extremen Rückgang wurde die Modelkultur für tot erklärt. Sehr zu Unrecht, wie ich in den letzten fünfzehn Jahren erleben durfte. Noch immer werden Model geschnitzt, die nicht nur kompetentes handwerkliches Können der Schnitzer zeigen, sondern auch starkes inneres Engagement. Diese Model halten dem Vergleich mit den älteren durchaus stand und schliessen bruchlos an die Tradition an. Auch in der Familie lebt die Liebe zu den Modeln immer noch weiter.

  Model 5115

Model 5115 «Herz mit zwei Vögeln», Schnitzer: Guido Neff
 

Einen grossen Beitrag zur Erhaltung der Kultur der Änismodel leisteten auch Modelliebhaberinnen und -liebhaber, die in Ausstellungen, bei Vorträgen und in Backkursen immer wieder das Publikum zu begeistern vermochten.

Als anfangs der 70-er Jahre begonnen wurde, die wertvollen Holzschnitzereien in Kunststoff zu giessen, konnte das Änismodel seinen Siegeszug in der Bevölkerung wieder aufnehmen und ausdehnen, denn das Änisbrötli schmeckt auch heutigen Generationen und die hübschen Bilder bergen einen fast magischen Zauber.

Seit 1985 reisen wir mit Gebäckmodeln und feinen Änisbrötli an Messen, Jahrmärkte und an Weihnachtsmärkte.

Die Auswahl der Modelbilder umfasst heute einen grossen Teil der Modelkultur der letzten 400 Jahre, aktuell führen wir über 1000 Modelmotive in unserem Sortiment.

Viele Menschen haben in dieser Zeit den Zauber der Änismodel neu entdeckt, und backen wieder zu den verschiedensten Gelegenheiten und Festanlässen Änisbrötli oder Springerle mit den passenden Motiven.

Zum Vergnügen an den alten Modeln kommt die Freude am Weiterleben dieser herrlichen Volkskunst.

Model 8815 Model 1053
«Arche Noah»,
17. Jahrhundert, die Geschichte der Arche Noah, 1. Buch Mose, Kapitel 7 und 8, Bemalung: Christa Volken, Foto: Gabriella Disler
 

 

Dieser Text wurde auszugsweise aus dem Buch «Änismodel, Geschichte - Brauchtum - Symbolik» von Linus Feller übernommen. Dieses interessante Buch können Sie hier bestellen.

 
Alle Rechte: - Linus Feller
Letzte Änderung: 31.08.2015